Meine Kommissare

Stefan Haenni: Thun

Scherbenhaufen

Scherbenhaufen

Während einer Zwischenstation in Meiringen, das liegt im Haslital und gehört zum Berner Oberland, bin ich im Herbst 2012 einer Empfehlung gefolgt und habe mir für viel Geld einen kleinen schmalen Band mit gerade einmal 183 Seiten Umfang gekauft. Das Bedauern der Verkäuferin half mir wenig. Etwa fünf Euro Aufpreis gegenüber Deutschland blieben nicht nachvollziehbar. Nebenbei bemerkt: Bücher sind in der Schweiz, im Verhältnis zu Deutschland, deutlich teurer. Das schmälert jedoch keineswegs meine Freude beim Kauf eines Buches in den dortigen Buchhandlungen.
Auf der Umschlagrückseite fand ich einen Hinweis auf Heinrich von Kleist und war sicher, ein literarisches Schmankerl erworben zu haben.
Ich erwähne dieses Büchlein, weil es für mich zu den Regionalkrimis gehört. Es hat alles, was es zu einem Krimi aus der Region macht, nur ist die Beschreibung halt etwas ruhiger und beschaulicher.
Die frevelhafte Tat wird in Thun begangen Das dortige Schlossmuseum spielt eine entscheidende Rolle. Der Leser erfährt etwas über die charakteristische Ornamentik der Thuner Majolika und dass auch in der Schweiz die Wahl eines Gerichtspräsidenten nicht frei von unredlichen Machenschaften sein kann, ist eine tröstliche Erkenntnis.
Ermittler sind der Privatdetektiv Hanspeter Feller und sein Assistent Jörg Lüthi. Dienstfahrzeug des Duos ist ein nagelneuer FIAT 500. Damit jagen die beiden keine Verbrecher, sondern begeben sich im Zuge ihrer Ermittlungen zu verschiedenen Zielen.
Die Vita des Autors, Dr. Stefan Haenni, lässt eigentlich bereits vermuten, dass er keine Reißer produziert, sondern etwas handwerklich Solides, in Schweizer Manier eben. Der 1958 geborene Autor studierte Kunstgeschichte, Psychologie und Pädagogik. Er arbeitet an einem Thuner Gymnasium als Lehrer für bildnerisches Gestalten. So steht es im Vorwort des Gmeiner-Verlages.  
Hanspeter Feller nimmt seine Arbeit ernst, so ernst, dass sein Privatleben darunter leidet. Nicht so sehr aus Sicht des Ermittlers, vielmehr aus Sicht seiner Freundin Eleonore Günther. So, mit beiden Namen, wird sie stets genannt, was bereits auf ein gewisses Maß an Distanz zwischen den Liebenden hinweist.
Das Büchlein ist dem 200. Todestag des Dichters Heinrich von Kleist gewidmet. Deshalb finden sich auch wissenswerte Hinweis auf den Lebensabschnitt des Dichters, der ihn mit der Schweiz verbindet.
Ich werde mir wieder ein Buch von Stefan Haenni kaufen. Im Text erkenne ich Teile Schweizer Eigenheiten; Hinweise zur Örtlichkeit waren für mich wertvoll und erkenntnisreich. Das Buch eignet sich natürlich in erster Linie als Urlaubslektüre (vor Ort), aber auch zur Verständnisfindung schweizerischer Lebensweisen. 
Scherbenhaufen ist ein gutes Beispiel für das breite Repertoire, das  Regionalkrimis bieten können. Und ein Beispiel für die „leisen“, zu Unrecht weniger wahrgenommenen Krimis. Sie stehen nie ganz vorn im Regal, man muss sich schon durchfragen.

 

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